Von Wolfgang Sinkwitz, Bildungsökonom
Jedes Kind soll in der Schule seine Fähigkeiten entwickeln können. Dafür braucht es sichere Grundlagen, passende Herausforderungen und rechtzeitige Unterstützung. Solingen verfügt bereits über wichtige Angebote. Entscheidend ist, diese verlässlich zu gestalten, sinnvoll miteinander zu verbinden und ihre Ergebnisse sichtbar zu machen.
Kinder kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule. Manche können bereits lesen, andere benötigen Unterstützung beim Sprechen, beim Umgang mit Zahlen oder beim konzentrierten Arbeiten. Auch die Möglichkeiten der Familien, ihre Kinder zu begleiten, unterscheiden sich erheblich.
Fehlende Deutschkenntnisse und zusätzliche Aufgaben durch Zuwanderung müssen offen angesprochen werden. Zur Analyse gehören ebenso soziale Benachteiligung, Personalmangel und unzureichende Förderung. Die Herkunft allein beschreibt weder die Fähigkeiten eines Kindes noch seinen Unterstützungsbedarf. Maßgeblich ist, was es bereits kann und was es als Nächstes lernen muss.
Solingen kann dabei auf der Arbeit von Kitas, Schulen, Stadt, freien Trägern und Ehrenamtlichen aufbauen. Fünf Bereiche verdienen besondere Aufmerksamkeit.
1. Frühe Sprachbildung verlässlich gestalten
Sprachbildung beginnt lange vor der Einschulung. Kinder brauchen Erwachsene, die mit ihnen sprechen, vorlesen, Fragen aufgreifen und sie zum Erzählen ermutigen.
Die Solinger Kita Pusteblume beschreibt beispielsweise, wie sie den individuellen Sprachstand der Kinder erfasst und daraus Unterstützung ableitet. Dazu gehören gezielte Sprachförderung sowie Angebote mit Liedern, Büchern und anderen Medien.
Solche Ansätze sollten verlässlich umgesetzt und beim Übergang in die Grundschule aufgegriffen werden. Wo zusätzlicher Bedarf besteht, müssen passende Angebote rechtzeitig erreichbar sein. Für mich gehört dazu auch, Eltern verständlich zu erklären, wie sie die Sprachentwicklung im Alltag unterstützen können.
2. Lesen, Schreiben und Rechnen ausreichend Zeit geben
Grundlegende Fähigkeiten tragen das weitere Lernen. Wer Texte nur mühsam versteht, hat auch beim Bearbeiten von Sachaufgaben oder Arbeitsanweisungen Schwierigkeiten.
An der Grundschule Augustastraße sind dreimal wöchentlich feste Lernzeiten vorgesehen. Eine Lehrkraft und ein bis zwei OGS-Mitarbeitende begleiten die Kinder. Die Aufgaben richten sich nach dem jeweiligen Lernstand und dienen dem Fördern, Vertiefen oder zusätzlichen Fordern.
Ergänzend engagiert sich MENTOR – Die Leselernhelfer Solingen nach eigenen Angaben an 16 Schulen, überwiegend Grundschulen. Die Lesementorinnen und Lesementoren begleiten jeweils ein Kind regelmäßig im persönlichen Kontakt.
Diese Arbeit verdient Anerkennung und verlässliche Unterstützung. Ehrenamtliche können wertvolle zusätzliche Lerngelegenheiten schaffen. Die Verantwortung für ausreichenden Unterricht und fachlich qualifizierte Förderung bleibt bei den zuständigen staatlichen Stellen.
3. Förderung und Leistungsanspruch zusammenführen
Individuelle Förderung braucht klare Lernziele. Lehrkräfte müssen erkennen können, welche Grundlagen fehlen, welche Unterstützung hilft und wann ein Kind den nächsten Schritt bewältigt.
Dafür sollten Lernstände regelmäßig festgestellt und Fördermaßnahmen überprüft werden. Ein Kind, das beim Lesen zurückliegt, benötigt passende Übungen und Rückmeldung. Ein Kind, das den Unterrichtsstoff bereits sicher beherrscht, braucht weiterführende Aufgaben.
Gemeinsames Lernen, zeitweise Kleingruppen und persönliche Begleitung können sich dabei ergänzen. Entscheidend ist die pädagogische Passung. Förderung und Leistungsanspruch gehören zusammen: Kinder brauchen Unterstützung und die Erfahrung, durch eigene Anstrengung voranzukommen.
4. Besonders belastete Schulen gezielt stärken
Schulen mit besonders großen Herausforderungen benötigen zusätzliche Ressourcen. Die Landesliste zum Startchancen-Programm vom Mai 2025 führt sieben Solinger Schulen auf: die Grundschulen Augustastraße, Westersburg, Scheidter Straße, Klauberg und Katternberger Straße sowie die Gesamtschulen Vogelsang und Höhscheid.
Das Programm soll unter anderem grundlegende Kompetenzen stärken und den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg verringern.
Für die Umsetzung zählt, was bei den Kindern ankommt: geeignete Lernräume, verfügbare Fachkräfte, wirksame Förderung und eine gute Zusammenarbeit der beteiligten Berufsgruppen. Zusätzliche Mittel brauchen klare Ziele und eine nachvollziehbare Verwendung.
5. Eltern als Partner gewinnen
Eltern sollen wissen, was ihre Kinder lernen, wo Schwierigkeiten bestehen und wie sie unterstützen können. Dafür braucht es verständliche Informationen und erreichbare Ansprechpersonen.
Ein Solinger Beispiel ist die vom Kommunalen Integrationszentrum geleitete Elterngruppe „Rucksack Schule“ an der Grundschule Klauberg. Nach Darstellung der Schule erleichtert sie Eltern die Orientierung im Schulsystem, unterstützt die Lernbegleitung zu Hause und fördert ihre Beteiligung am Schulleben.
Solche Angebote können die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus stärken. Dabei sollten Erwartungen auf beiden Seiten klar sein: Schulen informieren und beraten; Eltern übernehmen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verantwortung für regelmäßigen Schulbesuch, Lernzeiten und den Austausch mit der Schule.
Eine nachvollziehbare Bildungsbilanz für Solingen
Als Bildungsökonom wünsche ich mir eine regelmäßige Bilanz, die Stadt, Land, Schulen und beteiligte Träger im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeit gemeinsam ermöglichen.
Wie viele Kinder und Familien werden erreicht? Wo fehlen Plätze oder Personal? Welche Lernfortschritte zeigen sich? Welche Angebote sollten ausgebaut oder verändert werden?
Eine solche Bilanz sollte unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigen und der Verbesserung dienen. Die Zahl der Projekte allein sagt noch wenig darüber aus, wie gut Unterstützung gelingt.
Solingen hat Ansätze, auf denen sich aufbauen lässt. Sie verdienen Anerkennung, verlässliche Bedingungen und eine sachliche Prüfung ihrer Wirkung.
Bildungsgerechtigkeit heißt, unterschiedliche Voraussetzungen ernst zu nehmen, Entwicklung zu ermöglichen und Leistung einzufordern. Daran sollte sich die Weiterentwicklung der Bildungsangebote in Solingen orientieren.