Von Wolfgang Sinkwitz · Bildungsökonom

NRW will Kindertageseinrichtungen mit besonderen Herausforderungen gezielter fördern. Der neue Kita-Sozialindex kann dabei helfen, zusätzliche Mittel nach dem tatsächlichen Unterstützungsbedarf zu verteilen. Für Solingen stellt sich die Frage, wie daraus spürbare Verbesserungen für Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte entstehen.

Das Solinger Tageblatt berichtete am 23. Oktober 2026 unter der Überschrift „Mehr Förderung für benachteiligte Kita-Kinder“ über die Pläne des Landes. Die dabei aufgeworfene Frage nach den Startchancen von Kindern verdient auch in Solingen Aufmerksamkeit.

Ich begrüße den Ansatz, unterschiedliche Lebensbedingungen bei der Förderung stärker zu berücksichtigen. Wo Kinder und Familien mehr Unterstützung benötigen, müssen Einrichtungen die personellen und finanziellen Möglichkeiten erhalten, diese Aufgabe zu erfüllen.

Was das Land plant

Ab dem 1. August 2027 sollen in Nordrhein-Westfalen zunächst bis zu 150 Chancen-Kitas jeweils 60.000 Euro jährlich zusätzlich für Kita-Sozialarbeit erhalten. Im Blick stehen größere Einrichtungen mit hohem Unterstützungsbedarf, die zugleich Familienzentrum und plusKITA sind. Bisherige Sprach-Kitas können nach ihrer Überführung in die plusKITA-Struktur ebenfalls infrage kommen, wenn sie die weiteren Voraussetzungen erfüllen. Die genauen Auswahlkriterien will das Land noch veröffentlichen.

Grundlage ist ein wissenschaftlich entwickelter Sozialindex mit neun Stufen. Er berücksichtigt Kinderarmut im Umfeld der Einrichtung und den Anteil der Kinder, deren Familiensprache überwiegend eine andere als Deutsch ist. Dabei gilt: Der Index beschreibt Unterstützungsbedarf und bewertet nicht die Qualität einer Kita. Auch über die Fähigkeiten eines einzelnen Kindes sagt er nichts aus.

Auch Solingen hat erheblichen Unterstützungsbedarf

Die veröffentlichte Landesliste für das Kita-Jahr 2024/25 enthält 98 Solinger Einrichtungen. Nach meiner Auszählung liegen davon 18 in den hohen Indexstufen 7 bis 9 – also rund 18 Prozent. Zehn Einrichtungen gehören zu den Stufen 8 oder 9.

Diese Zahlen geben Anlass, die Förderung vor Ort genau zu prüfen. Sie sind allerdings keine aktuelle Bestandsaufnahme aller heutigen Kitas. Ebenso wenig bedeuten hohe Indexwerte automatisch, dass eine Einrichtung die neue Förderung erhält.

Welche Solinger Kitas als Chancen-Kitas berücksichtigt werden, ist mit den hier ausgewerteten Quellen noch nicht belegt. Gerade deshalb sollten Stadt und Träger frühzeitig klären, welche Einrichtungen die Voraussetzungen erfüllen könnten und wo darüber hinaus Unterstützung notwendig bleibt.

Vorhandene Solinger Angebote einbeziehen

Solingen kann an bestehende Arbeit anknüpfen. Die städtische Kita Fuhr beschreibt beispielsweise alltagsintegrierte Sprachbildung und das Programm Rucksack KiTa in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Integrationszentrum. Dabei werden Eltern einbezogen und die sprachliche Entwicklung in Erst- und Zweitsprache unterstützt.

Auch das Familienzentrum der Kita Glückspilze bietet Griffbereit und Rucksack KiTa an. Diese Angebote verbinden frühe Bildung mit Elternarbeit und der Förderung von Mehrsprachigkeit.

Solche Erfahrungen sollten bei der Weiterentwicklung der örtlichen Förderung berücksichtigt werden. Die genannten Beispiele sind damit ausdrücklich keine Vorfestlegung auf künftige Chancen-Kitas.

Was Solingen jetzt vorbereiten sollte

Aus meiner Sicht sind vier Schritte besonders sinnvoll:

  • Den Bedarf gemeinsam prüfen. Jugendamt, Träger und Einrichtungen sollten die Indexdaten mit ihren Erfahrungen abgleichen. Dabei sollte sichtbar werden, wo Unterstützung fehlt und welche Angebote Familien bereits erreichen.
  • Mögliche Bewerbungen vorbereiten. Sobald die endgültigen Landesvorgaben vorliegen, sollten Zuständigkeiten, Personalbedarf und Unterlagen geklärt sein. Auch für Einrichtungen, die zunächst keine Förderung erhalten, braucht es Perspektiven.
  • Sprachbildung und Familienberatung verbinden. Zusätzliche Sozialarbeit sollte Eltern den Zugang zu Hilfen erleichtern und die pädagogischen Teams entlasten. Für die Sprachbildung bleiben genügend qualifizierte Fachkräfte und verlässliche Betreuungszeiten erforderlich.
  • Den Übergang zur Grundschule begleiten. Kita, Schule und Eltern sollten notwendige Unterstützung rechtzeitig abstimmen. Förderung muss beim Schulstart verlässlich fortgesetzt werden können.

Entscheidend ist die Wirkung im Alltag

Landesweit liegen 1.343 Einrichtungen in den hohen Indexstufen 7 bis 9. Ein Einstieg mit bis zu 150 Chancen-Kitas erreicht deshalb zunächst nur einen begrenzten Teil der Einrichtungen mit hohem Bedarf.

Ich halte einen nachvollziehbaren Ausbauplan für notwendig. Als Bildungsökonom ist mir zugleich wichtig, die Wirkung der eingesetzten Mittel zu betrachten: Erreichen Beratungsangebote mehr Familien? Werden Fachkräfte entlastet? Bekommen Kinder die Unterstützung, die sie für ihre Entwicklung benötigen?

Solingen sollte den neuen Sozialindex nutzen, um diese Fragen konkret zu bearbeiten. Gute Startbedingungen entstehen dort, wo Förderung im Alltag der Kinder ankommt.

Anlass: Bericht „Mehr Förderung für benachteiligte Kita-Kinder“, Solinger Tageblatt vom 23. Oktober 2026. Ergänzt durch Veröffentlichungen des Landes NRW und örtlicher Einrichtungen. Stand: 25. Oktober 2026.

Quellen zum Homepage Beitrag

[1] Land NRW · Veröffentlichung des Kita-Sozialindex und Chancen-Kitas

[2] Familienministerium NRW · Was der Kita-Sozialindex für Familien bedeutet

[3] NRW · Ergebnisliste 2024/25 · Solingen auf PDF-Seiten 81 und 82

[4] Stadt Solingen · Konzeption der Kita Fuhr · Stand Juli 2026

[5] Bethanien Stiftung · Kita und Familienzentrum Glückspilze in Solingen

[6] Solinger Tageblatt vom 23.10.2026 · Bettina Grönewald · „Mehr Förderung für benachteiligte Kita-Kinder“ · bereitgestellter Artikel zum Kita-Sozialindex.