Wolfgang Sinkwitz · Bildungsökonom · 10. Oktober 2026

Knapp 65.000 junge Menschen haben bundesweit im Schuljahr 2024/2025 die Schule ohne mindestens einen Hauptschulabschluss verlassen. Hinter dieser Zahl stehen erschwerte Wege in Ausbildung und Beruf. Für Nordrhein-Westfalen muss sie Anlass sein, die Wirksamkeit der eigenen Bildungspolitik kritisch zu überprüfen.

Nach den im Oktober veröffentlichten Angaben auf Grundlage der Bundesstatistik stieg die Zahl innerhalb von zwei Jahren von rund 56.000 auf knapp 65.000. Der Anteil erreichte etwa 8,4 Prozent. Diese bundesweiten Werte lassen sich nicht einfach auf NRW übertragen. Sie zeigen jedoch, wie dringend die Frage geworden ist, ob schulische Förderung diejenigen erreicht, die sie besonders brauchen. [1]

Auch in NRW ist die Entwicklung besorgniserregend. IT.NRW weist für 2025 insgesamt 7.430 Abgänge mit einem Abgangszeugnis ohne Abschluss aus. Zehn Jahre zuvor waren es 4.324. Der Anteil stieg von 2,2 auf 4,2 Prozent. Diese engere Landesauswertung zählt Abschlüsse in den Förderschulbildungsgängen Lernen und Geistige Entwicklung gesondert und ist deshalb mit der bundesweiten Quote nicht unmittelbar vergleichbar. Die breitere NRW-Statistik verzeichnet 14.380 Abgänge ohne Ersten Schulabschluss, einschließlich solcher Förderschulabschlüsse. [2, 3]

Förderung muss im Unterricht ankommen

Aus den Zahlen allein lässt sich keine einzelne Ursache beweisen. Sie rechtfertigen aber eine klare politische Forderung: NRW muss nachvollziehbar darlegen, wie gefährdete Bildungswege früher erkannt und wirksam unterstützt werden. Ein Kind, das beim Lesen oder Rechnen zurückbleibt, braucht regelmäßige Förderung und eine Überprüfung seiner Fortschritte. Eine zusätzliche Diagnose hilft wenig, wenn anschließend Zeit und Personal fehlen.

Hier liegt der Maßstab für die Landesregierung. Sie muss Unterricht und Förderung personell absichern und Schulen bei zusätzlichen Aufgaben entlasten. Lehrkräfte können individuelle Lernbegleitung, Sprachförderung und soziale Unterstützung nur leisten, wenn die Bedingungen dafür stimmen. Die politische Verantwortung lässt sich nicht auf das Engagement einzelner Schulen oder die Unterstützungsmöglichkeiten der Eltern verschieben.

Besondere Aufmerksamkeit brauchen Jugendliche, die erst spät in das deutsche Schulsystem eintreten. IT.NRW dokumentiert erhebliche Unterschiede nach Staatsangehörigkeit. Daraus lässt sich keine Aussage über die Leistungsfähigkeit einzelner Kinder ableiten. Unterbrochene Schulbiografien und ein später Einstieg stellen andere Anforderungen an Förderung. Meine Konsequenz daraus ist: Sprachunterricht muss mit Fachunterricht verbunden werden; Bildungswege müssen genügend Zeit für einen erreichbaren Abschluss lassen. [2]

Programme brauchen nachprüfbare Ergebnisse

NRW hat mit dem Startchancen-Programm einen wichtigen Ansatz geschaffen. 923 Schulen mit vielen sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern werden unterstützt. Das Programm fördert unter anderem Lesen, Schreiben und Rechnen sowie zusätzliches pädagogisches Personal. Es läuft über zehn Jahre. Die Abgangszahlen von 2025 erlauben deshalb noch kein Urteil über seinen langfristigen Erfolg. [4]

Trotzdem muss die Landesregierung bereits heute zeigen, wie sie Fortschritte überprüft. Entscheidend ist, ob Kinder tatsächlich besser lernen, gefährdete Jugendliche einen Abschluss erreichen und die Unterstützung dauerhaft zur Verfügung steht. Die Zahl geförderter Schulen oder bewilligter Millionen reicht als Erfolgsnachweis nicht aus. Auch Schulen außerhalb des Programms brauchen eine verlässliche Grundausstattung.

Aus bildungsökonomischer Sicht ist frühe Förderung eine Investition, deren Wirkung überprüft werden muss. Wenn Lernlücken über Jahre bestehen bleiben, können später zusätzliche Vorbereitung, Qualifizierung und soziale Unterstützung notwendig werden. Eine Finanzierung, die Hilfe erst kurz vor dem Schulabgang ermöglicht, setzt zu spät an.

Verantwortung bis zum nächsten Bildungsweg

Ein Abgang ohne Abschluss bedeutet nicht, dass ein junger Mensch dauerhaft ohne Qualifikation bleiben muss. Berufskollegs und Weiterbildungskollegs eröffnen weitere Wege. Diese Möglichkeiten gehören zu einer fairen Bewertung des Bildungssystems. [2] Zugleich sollten Jugendliche beim Übergang eine feste Ansprechperson haben, die den nächsten Schritt gemeinsam mit ihnen vorbereitet und nachhält.

Für Städte wie Solingen bedeutet das: Schulen, Berufskollegs, Jugendhilfe und Arbeitsagentur sollten ihre bestehenden Angebote so abstimmen, dass gefährdete Jugendliche verlässlich begleitet werden. Das Land muss dafür die schulischen Voraussetzungen sichern. Kommunale Zusammenarbeit kann fehlende Unterrichts- und Förderkapazitäten nicht dauerhaft ausgleichen.

Ich erwarte von der NRW-Bildungspolitik konkrete Ziele für weniger Abgänge ohne Ersten Schulabschluss und eine regelmäßige öffentliche Bilanz. Dabei müssen spätere Abschlüsse und unterschiedliche Ausgangslagen berücksichtigt werden. Junge Menschen brauchen eine Schule, die ihnen einen realistischen Weg zu einem Abschluss eröffnet. Daran muss sich die Landesregierung messen lassen.

Quellen

[1] dpa-AFX vom 9. Oktober 2026 auf Grundlage von Destatis  Quelle öffnen

[2] IT.NRW Wer verlässt die Schule ohne Abschluss  Quelle öffnen

[3] IT.NRW Schulabgänge 2024/25 nach Schulformen und Abgangsarten  Quelle öffnen

[4] Schulministerium NRW Startchancen Programm  Quelle öffnen