Von Wolfgang Sinkwitz · Bildungsökonom und Diplom-Wirtschaftspädagoge
Nordrhein-Westfalen will Berufsorientierung früher und verbindlicher in den Schulalltag holen. Das begrüße ich. Ob die Reform Jugendlichen in Solingen tatsächlich hilft, hängt davon ab, ob sie einen guten Praktikumsplatz finden und jemand mit ihnen bespricht, was sie dort über ihre Stärken und Interessen erfahren haben.
Was NRW plant
Für die Klassen 8 bis 10 ist eine Wochenstunde zur Berufsorientierung vorgesehen. Sie soll zum Schuljahr 2027/28 zunächst freiwillig angeboten und später verbindlich werden. Zugleich will das Land die betrieblichen Praxisphasen um ein Drittel ausweiten, auch an Gymnasien. Ein digital unterstützter Kompetenzcheck soll Interessen und Fähigkeiten mit 16 Berufsfeldern in Beziehung setzen. [1, 2]
Die feste Stunde kann helfen, Praktika vorzubereiten und die Erfahrungen danach auszuwerten. Wer Jugendliche individuell begleiten soll, braucht aber auch Zeit außerhalb des Unterrichts. Dazu gehören Gespräche mit Eltern, Praktikumsbesuche und die Abstimmung mit den Betrieben. Der Verband Bildung und Erziehung weist zu Recht darauf hin, dass das Land diese Arbeit bei der Ausstattung der Schulen einplanen muss. Ich erwarte deshalb, dass NRW vor der verbindlichen Einführung klärt, wie viel Arbeitszeit Schulen dafür erhalten. [3]
Was einen guten Praktikumsplatz ausmacht
Ein längeres Praktikum lohnt sich, wenn Jugendliche selbst etwas ausprobieren dürfen, im Betrieb eine feste Ansprechperson haben und eine Rückmeldung bekommen. Wer etwa in einer Werkstatt ein Bauteil vermisst, kann erleben, ob ihm präzises Arbeiten liegt. Im anschließenden Gespräch lässt sich klären, was daran Freude gemacht hat und welche anderen Berufe ähnliche Fähigkeiten verlangen. An solchen Erfahrungen sollte das Land die Qualität der Praxisphasen messen.
Solingen kann dafür auf der kommunalen Koordinierung von „Kein Abschluss ohne Anschluss“ und auf der Jugendberufsagentur aufbauen. Ich wünsche mir, dass Stadt, Schulen, Kammern und Betriebe ihre Praktikumsangebote gemeinsam koordinieren und gezielt Plätze für Jugendliche vermitteln, die über ihre Familie keinen Zugang zu Betrieben haben. Schulen und Betriebe könnten sich auf drei Kriterien verständigen. Jugendliche sollten eine konkrete Aufgabe zum Ausprobieren, eine feste Ansprechperson und ein kurzes Auswertungsgespräch bekommen. [4, 5]
Wie Beratung Perspektiven öffnet
Ein digitaler Kompetenzcheck kann auf Berufe aufmerksam machen, die Jugendliche bisher kaum kennen. Seine Ergebnisse sollten Lehrkräfte und Berufsberatung im Gespräch mit den Jugendlichen einordnen und später mit den Erfahrungen aus dem Praktikum abgleichen. Interessen verändern sich, wenn man Neues ausprobiert.
Wer etwa Tierärztin werden möchte, sollte erfahren, welche Voraussetzungen für ein Studium gelten und über welche schulischen Wege sie diese erreichen kann. Ebenso hilfreich kann ein Einblick in verwandte Ausbildungsberufe sein. Gute Beratung macht die Anforderungen verständlich und zeigt, welche nächsten Schritte möglich sind.
Für Solingen würde ich den Erfolg an zwei Fragen prüfen. Wie viele Jugendliche finden einen geeigneten Praktikumsplatz, auch wenn sie bei der Suche Unterstützung brauchen? Und wie viele können nach dem Praktikum benennen, welcher nächste Schritt für sie sinnvoll ist? Die Antworten würden Schulen und Betrieben zeigen, wo sie nachbessern müssen.
Quellen
- Bettina Grönewald (dpa), „NRW plant verbindliche Berufsorientierungsstunde“, beigefügter Artikel. Onlinefassung bei n-tv, 3. November 2026
- Städtetag Nordrhein-Westfalen, „Gemeinsam die Berufliche Orientierung weiterentwickeln und stärken“, 3. November 2026
- Verband Bildung und Erziehung NRW, Stellungnahme zum Ausbildungskonsens, 3. November 2026
- Klingenstadt Solingen, Informationen zur Berufsfelderkundung für Unternehmen
- Jugendberufsagentur Solingen, Informationen für Lehrkräfte