Von Wolfgang Sinkwitz · Bildungsökonom
Künstliche Intelligenz kann Arbeit erleichtern und Unternehmen stärken. Sie kann aber auch berufliche Erfahrung entwerten und Beschäftigte unter Druck setzen. Ich wünsche mir, dass Solingen diese Entwicklung aktiv gestaltet und dabei die Menschen stärker in den Mittelpunkt stellt.
Der Beitrag „Zehn Berufsfelder mit stabiler Zukunft – (fast) ohne KI“ von Johanna Tüntsch wirft eine wichtige Frage auf: Welche beruflichen Perspektiven bleiben, wenn künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt?
Besonders nachdenklich macht mich der im Beitrag geschilderte Hinweis der IG Metall Remscheid-Solingen. Wenn KI anspruchsvolle Aufgaben übernimmt, können sich Arbeitsplätze so verändern, dass die verbleibenden Tätigkeiten geringer bewertet werden. Ein Arbeitsplatz bleibt dann möglicherweise erhalten, bietet aber weniger Verantwortung und schlechtere Verdienstmöglichkeiten.
Als Bildungsökonom halte ich es für problematisch, technischen Fortschritt hauptsächlich daran zu messen, wie viel Arbeitszeit Unternehmen einsparen. Mich interessiert ebenso, was die Beschäftigten gewinnen: bessere Arbeitsbedingungen, zusätzliche Qualifikationen und eine verlässliche berufliche Perspektive.
Solingens Arbeitsmarkt braucht besondere Aufmerksamkeit
Im September 2026 waren in Solingen 7.752 Menschen arbeitslos gemeldet. Das waren 273 mehr als ein Jahr zuvor. Bei den unter 25-Jährigen stieg die Zahl gegenüber dem Vorjahresmonat um 20,9 Prozent auf 843. Diese Entwicklung lässt sich anhand der Zahlen nicht auf KI zurückführen. Sie zeigt jedoch, wie dringend unsere Stadt berufliche Chancen verbessern muss.
Gerade junge Menschen brauchen Orientierung. Ihnen lediglich Berufe zu empfehlen, die als vergleichsweise sicher vor Automatisierung gelten, reicht aus meiner Sicht nicht aus. Pflege, Erziehung und Handwerk verlangen eigene Fähigkeiten und eine qualifizierte Ausbildung. Diese Berufe verdienen Anerkennung, angemessene Bezahlung und Arbeitsbedingungen, unter denen Menschen dauerhaft arbeiten können.
Ein hoher Personalbedarf macht einen Beruf noch nicht automatisch attraktiv.
Die Stadt sollte Ergebnisse offenlegen
Solingen erprobt mit NRW.Genius selbst eine KI-Verwaltungsassistenz. Sie soll Beschäftigte unter anderem bei der Arbeit mit Texten und Dokumenten unterstützen. Ich begrüße, dass die Stadt praktische Erfahrungen sammelt.
Ich erwarte allerdings, dass die Ergebnisse nachvollziehbar werden. Werden Anträge schneller bearbeitet? Entsteht mehr Zeit für persönliche Beratung? Wie aufwendig ist es, fehlerhafte Ergebnisse zu erkennen und zu korrigieren?
Ein öffentlich zugänglicher Bericht über Nutzen, Kosten und Schwierigkeiten wäre dafür ein sinnvoller Schritt. Beschäftigte und Personalrat sollten ihre Erfahrungen einbringen können. Der Erfolg muss sich im Alltag der Verwaltung und ihrer Bürger zeigen.
Weiterbildung braucht Zeit und erreichbare Angebote
Solingen verfügt bereits über Ansprechpartner. Die Wirtschaftsförderung Solingen.Business nennt Weiterbildung und Bildungskooperationen als Aufgaben. Auch die Agentur für Arbeit bietet Unternehmen Unterstützung bei der Qualifizierung ihrer Beschäftigten an.
Darauf sollte die Stadt aufbauen. Entscheidend ist für mich, ob die Angebote gerade diejenigen erreichen, deren berufliche Perspektiven gefährdet sind. Kleine Betriebe benötigen Unterstützung bei der Organisation. Beschäftigte brauchen verständliche Angebote und Zeit zum Lernen.
Wer Weiterbildung fordert, sollte deshalb auch erklären, wann sie stattfinden soll und wer ihre Kosten trägt. Die Verantwortung allein auf den einzelnen Arbeitnehmer zu verlagern, halte ich für unzureichend.
Meine bildungspolitische Überzeugung ist: Berufliche Anpassungsfähigkeit entsteht auf einer soliden Grundlage. Sprachverständnis, mathematische Kenntnisse und selbstständiges Denken bleiben entscheidend. Wer KI-Ergebnisse beurteilen soll, braucht eigenes Wissen. Deshalb gehören gute Schulen, gezielte Lernförderung und berufliche Weiterbildung für mich eng zusammen.
Wirtschaftlichen Fortschritt mit sozialer Verantwortung verbinden
Für Solingen wünsche ich mir einen Umgang mit KI, der wirtschaftliche Entwicklung und soziale Verantwortung verbindet. Dazu gehören überprüfbare Ergebnisse in der Verwaltung und frühzeitige Weiterbildung in den Betrieben.
Auch Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten. Wer durch neue Technik produktiver arbeitet, sollte in die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten seiner Beschäftigten investieren.Ich möchte, dass Menschen in unserer Stadt den technischen Wandel mitgestalten können und beruflich davon profitieren. Daran sollten sich die Verantwortlichen messen lassen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Johanna Tüntsch: „10 Berufsfelder mit stabiler Zukunft – (fast) ohne KI“. Remscheider General-Anzeiger, 23. Oktober 2026. Ausgangsbeitrag zu den beruflichen Perspektiven und möglichen Auswirkungen auf die Bewertung von Tätigkeiten.
- Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal: „Der Arbeitsmarkt im September – Arbeitsmarkt bleibt stabil“, 30. September 2026. Die im Artikel genannten Solinger Arbeitsmarktzahlen stehen im Abschnitt „Solingen“.
- WDR: „Künstliche Intelligenz soll Solinger Verwaltung entlasten“, 26. März 2026. Bericht über Solingens Teilnahme am Pilotprojekt NRW.Genius.
- Solingen.Business – Wirtschaftsförderung Solingen: Aufgaben und Angebote der Wirtschaftsförderung, insbesondere zu Arbeitsmarkt, Weiterbildung und Bildungskooperationen.
- Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal: „Fit für die Zukunft. Heute an morgen denken.“. Informationen zur Beratung und Förderung der Weiterbildung von Beschäftigten.
Internetquellen zuletzt geprüft am 27. Oktober 2026. Die Bewertungen und Forderungen im Artikel geben die persönliche Position des Autors wieder.
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